Führende Vertreter der deutschen Forst- und Holzwirtschaft haben Klaus Borger (Bündnis 90/Die Grünen), Staatssekretär im Umweltministerium des Saarlands, in einem Offenen Brief zur Rücknahme seiner Äußerungen über die mechanisierte Holzernte aufgefordert. Borger, der laut Biographie auf der Website des Ministeriums einen Abschluss als Diplom-Forstwirt der Universität Freiburg hat, hat in einem Leserbrief an das Holz-Zentralblatt vom 29. Mai 2009 Forstmaschinenfahrer gleichgesetzt mit Bomberpiloten und unterstellt, sie führten "kaum bewusst, gefühllos, die Befehle zum Massenmord aus". Die "Einsatzziele der Harvester" seien "Beute machen und Zerstörung", der Hochmechanisierung warf er Energieverschwendung vor.
Der vom Vorsitzenden des Deutschen Forstunternehmer-Verbandes (DFUV), Hans-Jürgen Narjes verschickte Brief ist weiter unterzeichnet von Dr. Klaus Dieter Kibat (Geschäftsführer Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher), Ullrich Huth (Präsident des Deutschen Holzwirtschaftsrates), Lars Schmidt (Vizepräsident des BSHD), Dr. Ute Seeling (Geschäftsführende KWF-Direktorin) sowie Ralf Dreeke und Stefan Meier (KWF Firmenbeirat).
Ihr Brief wirft Borger vor, mit seinem "absurden und unerträglichen Vergleich" die Kriegsopfer zu verhöhnen und die gesamte Forstbranche des "Massenmordes" zu beschuldigen, was den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen könnte. Zum "unhaltbaren Vorwurf der Energieverschwendung" zitiert der Brief eine Diplomarbeit der ETH Zürich (PDF, 258 kB), laut der bei einer mittleren Stückmasse von 0,26 Kubikmetern der Energieverbrauch der hochmechanisierten Holzernte (Vollernter, Rückeschlepper) mit 91,23 Megajoule/Kubikmeter unter dem Verbrauch eines motormanuellen Verfahrens (Motorsäge, Skidder) mit 111,43 MJ/Kubikmeter liegt. Außerdem werden die weit höheren Unfallzahlen der motormanuellen Verfahren als Argument für die Mechanisierung angeführt.
Anlass des Briefes ist Borgers kürzliche Berufung zum Staatssekretär im Umweltministerium, wo er offenkundig die forstlichen und jagdlichen Teile der Koalitionsvereinbarung vom 5. November beeinflusste: Sein Vorwurf der Energieverschwendung durch die Hochmechanisierung vom Mai steht wörtlich auf Seite 42 des Koalitionsvertrages.
Laut Saarbrücker Zeitung vom 1. Dezember erwägt auch die Vereinigung der Jäger des Saarlandes (VJS) "juristisch tätig zu werden" gegen Borger, der bis Oktober Vorsitzender des Ökologischen Jagdverbandes im Saarland war und "den Koalitionsvertrag in Sachen Jagd diktiert" habe, wird der VJS-Vorsitzende Andreas Schober zitiert.
Am 8. Dezember antwortete Borger auf Narjes‘ Offenen Brief: "Durch die aufgeführten Zitate sollten jedoch zu keinem Zeitpunkt Berufs- oder Personengruppen bzw. Personen beschimpft oder beleidigt werden. Sollte dies fälschlicherweise so aufgefasst worden sein, so bedaure ich dies." Somit blieb Borger beim Vergleich von Hochmechanisierung und "Massenmord" und bedauerte nur, wenn das als Beleidigung aufgefasst wird. Borger empfahl weiterhin Rückepferde, wich dem Vergleich der Energieverbräuche und Unfallzahlen in der Holzernte aus und bot auch "konstruktive Zusammenarbeit" an. Der "Massenmord"-Vergleich wird zitiert auf S. 68 des Buches "Waldwende" von Bode und Hohnhorst (1994) und stammt demnach aus einem Vortrag von Prof. Dusan Mlinsek aus Slowenien (1991).
Erst als die "Tageszeitung" (TAZ) die Saar-Umweltministerin Dr. Simone Peter (Grüne) auf Borgers Brief ansprach, kamen andere Töne: "So etwas geht überhaupt nicht", sagte Peter laut TAZ vom 21. Dezember (Online-Ausgabe vom 20.12.) und forderte von Borger die "vollständige Distanzierung". Weiter: "Die linke Grüne drohte ihrem Staatssekretär im Wiederholungsfall ,die sofortige Entlassung‘ an. Peter: ,Es kocht in mir!‘". Borger räumte auf Anfrage der TAZ ein, "einen Fehler gemacht" zu haben und drückte sein "großes Bedauern darüber" aus, heute würde er "das ganz sicher nicht mehr schreiben".
DFUV/SZ/TAZ/A. Jönsson