Führende Vertreter der deutschen Forst- und Holzwirtschaft haben sich in einem Offenen Brief an den Staatssekretär im Umweltministerium des Saarlandes, Klaus Borger gewandt, der im Mai - noch vor seiner Berufung zum Staatssekretär - in einem Leserbrief die hochmechanisierte Holzernte mit drastischen Vergleichen und dem Vorwurf der Energieverschwendung angegriffen hatte.
Der Offene Brief, verfasst unter dem Briefkopf des Deutschen Forstunternehmer-Verbandes (DFUV), wird im folgenden im Wortlaut wiedergegeben.
Herrn Klaus Borger
Staatssekretär im Ministerium für Umwelt,
Energie und Verkehr des Saarlandes
Keplerstraße 18
66117 Saarbrücken
Wietze, den 3. Dezember 2009
Offener Brief: Hochmechanisierte Holzernte in deutschen Wäldern
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Borger,
mit außerordentlichem Befremden haben wir, die Unterzeichner, Ihre im Anhang wiedergegebene Zuschrift an das Holz-Zentralblatt, Ausgabe 22/2009 vom 29.05.2009, zur Kenntnis genommen und nehmen diese zum Anlass für diesen Offenen Brief. Unter Berufung auf den früheren Präsidenten des Internationalen Verbandes Forstlicher Forschungsanstalten (IUFRO), Prof. Dusan Mlinsek - jedoch ohne Quellenangabe oder Ausweisung als Zitat - schreiben Sie in jener Zuschrift unter anderem:
„Im Prinzip gibt es keinen Unterschied zwischen einer während des Krieges gefallenen Nation und einem gefallenen Wald. Beide wurden durch Ideologien geleitet und in einem kybernetischen Prozess vernichtet mithilfe der verleiteten Personen bzw. der Maschine. Dabei führt der Pilot des Bombers und der Pilot des Vernichtungsprozessors im Walde kaum bewusst, gefühllos, die Befehle zum Massenmord aus."
Sehr geehrter Herr Staatssekretär, in unseren Augen instrumentalisieren Sie mit Ihren Worten die weltweit unzähligen Opfer der Bombenkriege im und nach dem Zweiten Weltkrieg für Ihre Zwecke, nämlich für eine unsachliche, diffamierende und auch wissenschaftlich unhaltbare Hetze gegen den Technik-Einsatz im Walde. Durch die Gleichstellung des Schicksals der Opfer der Bombenkriege mit dem alltäglichen, nachhaltigen und vergleichsweise banalen Vorgang der Holzernte verhöhnen Sie geradezu die Kriegsopfer.
Zugleich beleidigen und beschuldigen Sie mit Ihrem absurden und unerträglichen Vergleich nicht nur forstliche Dienstleister und Fahrer von Forstmaschinen des „Massenmordes". Sie diffamieren damit auch private, kommunale und staatliche Waldbesitzer, Förster und Revierleiter als Auftraggeber eines „Massenmordes", dazu die Holzindustrie und nicht zuletzt den Verbraucher von Holzprodukten als Nutznießer eines „Massenmordes".
Zur Bestärkung der infamen Gleichsetzung von Vollerntemaschinen bzw. Prozessoren für die Holzernte (engl. „harvester") mit Kriegsgerät führen Sie ein britisches Kriegsschiff „HMS Harvester" aus dem Zweiten Weltkrieg an. Herr Borger, wenn Sie nur ansatzweise ernsthaft recherchiert hätten, wären Sie darauf gestoßen, dass der englische Begriff „harvester" (von „harvest", zu deutsch: Ernte, laut dem „New Oxford American Dictionary" zurückgehend auf das Alt-Englische „hærfest", was deutschen Ursprungs ist und Herbst bedeutete) erstmals um 1838 verwendet wurde als Kurzform für die damals erfundenen „combine harvester": Das sind Mähdrescher.
Weiter bezichtigen Sie die Hochmechanisierung der Waldarbeit der „Verschwendung von Energie", ohne irgendeine Quelle zu nennen oder zu sagen, im Vergleich wozu denn die hochmechanisierten Verfahren Energie verschwenden würden? Wir helfen Ihnen mit wissenschaftlichen und durch Quellen belegten Zahlen über Ihren Irrtum hinweg. Bei einem Vergleich [1] der motormanuellen Holzernte (Einschlag mit Motorsäge, Rücken mit Skidder) mit der vollmechanisierten Holzernte (Einschlag durch Harvester, Rücken mit Rückezug) ergaben sich bei einer mittleren Stückmasse von 0,26 Kubikmeter/Baum folgende Energieverbräuche in Megajoule/Kubikmeter:
motormanuelles Holzernteverfahren: 111,43 MJ/Kubikmeter
vollmechanisiertes Holzernteverfahren: 91,23 MJ/Kubikmeter
Die so genannte Graue Energie, die für die Produktion von Sägen, Vollerntern und Schleppern aufzuwenden ist, ist in diese Zahlen ebenso eingerechnet wie ihr Treibstoffverbrauch: Die Studie arbeitet nach dem bis heute gültigen Prinzip des „Life Cycle Assessment", das Produkte von der Entstehung bis zur Entsorgung betrachtet. Das Ergebnis rührt u.a. daher, dass die Graue Energie um den Faktor 4 bis 7 bei Ernte- und Rückemaschinen und um Faktor 44 bei der Motorsäge von der Prozessenergie übertroffen wird, die während der Geräte-Lebensdauer bei der Arbeit aufgewendet wird. Gleichzeitig liegen Produktivität und Lebensdauer der Maschinen für hochmechanisierte Verfahren jeweils um ein Vielfaches über denen der Motorsäge. Modernere als in der Studie untersuchte Maschinen setzen die Prozessenergie sogar noch weit effizienter ein.
Zudem setzt Ihre Kritik bezüglich zu hohen Energieverbrauches an der völlig falschen Stelle an: Wenn Sie als Beispiel ein aus Holz errichtetes Blockhaus nehmen, dann verbraucht die gesamte forstwirtschaftliche Holzproduktion von den 100 % in diesem Haus gespeicherter Energie mit gerade 1 % den geringsten Anteil, die Sägemühle verbraucht 2 %, die Holztrocknung 8 %, die weitere Holzausformung 10 %, der Hausbau 10 % und der Transport 5 %. Das Blockhaus speichert dann immer noch „unangetastete" 64 % Energie [2]. Jedem Betriebswirtschaftler ist klar, dass Bemühungen um Einsparung von Mitteln immer zuerst den größten, nicht aber ausgerechnet den kleinsten Posten kritisch unter die Lupe nehmen müssen: Das gilt auch für den Ressourcenverbrauch. Das Holzhaus kann, wenn es ausgedient hat, zudem z.B. der Produktion von Spanplatten dienen, die wiederum nach Gebrauch durch Gewinnung von Wärme per Verbrennen begrenzt verfügbare, klimaschädliche Rohstoffe wie Öl, Kohle oder Gas ersetzen können.
Ist Ihnen weiter bekannt, Herr Staatssekretär, dass die Holzernte im motormanuellen Verfahren - unter Einsatz von Motorsägen - zu den unfallträchtigsten und gefährlichsten Arbeiten zählt, die es gibt? Als studiertem Diplom-Forstwirt sollten Ihnen all diese Zusammenhänge doch bekannt sein? Wissen Sie, dass nach dem Unfallbericht 2008 der Niedersächsischen Staatsforsten die jährliche Zahl der Unfälle je 1 Mio. Kubikmeter Einsatz der von Ihnen verteufelten hochmechanisierten Verfahren?
Wortgleiche Passagen aus Ihrem Leserbrief, inklusive des unhaltbaren Vorwurfs der Energieverschwendung, sind in der Koalitionsvereinbarung der saarländischen Landesregierung aufgetaucht. Sie sind inzwischen als Staatssekretär im Umweltministerium für eine Branche zuständig, die Sie in unerträglicher Weise des „Massenmordes" bezichtigen. Wir, die Unterzeichner, sehen uns daher veranlasst, Sie in aller gebotenen Schärfe aufzufordern, Ihre möglicherweise nach § 130 Strafgesetzbuch als Volksverhetzung strafbaren Äußerungen umgehend und unmissverständlich zurückzunehmen und sich öffentlich zu entschuldigen.
Hochachtungsvoll
Hans-Jürgen Narjes, Vorsitzender Deutscher Forstunternehmer-Verband e.V. (DFUV)
Dr. Klaus Dieter Kibat, Geschäftsführer Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher e.V. (AGR)
Ullrich Huth, Präsident Deutscher Holzwirtschaftsrat e.V. (DHWR)
Lars Schmidt, Vizepräsident Bundesverband Säge- und Holzindustrie Deutschland e.V. (BSHD)
Dr. Ute Seeling, Geschäftsführende Direktorin, Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V. (KWF)
Ralf Dreeke, Stefan Meier, KWF-Firmenbeirat Interessenvertretung der Forstindustrie beim KWF
[1] Knechtle, Norbert: „Materialprofile von Holzerntesystemen - Analyse ausgewählter Beispiele als Grundlage für ein forsttechnisches Ökoinventar"; ETH Zürich, Departement für Wald- und Holzforschung; Diplomarbeit, 1997, S. 41.
[2] Frühwald, Arno: „Eco Balance: A new method for the ecological evaluation of wooden products", Vortrag auf dem Marcus Wallenberg Prize Symposium, Stockholm, 13.10.2000.